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Kurt Ludewig: 1989 - ein dreifach klärendes Jahr
1989 war ein außergewöhnliches Jahr. Das meine ich nicht nur im welthistorischen Sinne - das wäre ja banal, zumal aus deutscher Perspektive -, sondern hier im persönlichen Sinne. Es begann im Jahr 1987. An diesem Jahr war ich zum ersten Mal einer professionellen Einladung aus meiner ursprünglichen Heimat gefolgt und für vier Wochen nach Chile gereist. Ich traf dort in den letzten Jahren der Militärdiktatur ein und hatte die ganz besondere Aufgabe, die beinahe gesamte Dozentengruppe am Psychologischen Institut der Universidad de La Frontera in Temuco, einer staatlichen Universität im Süden des Landes, die an der ehemaligen Grenze zwischen dem europäischen und dem indianischen Chile liegt, über Systemisches zu unterrichten. Das junge Institut war bei der Suche nach einer eigenen Identität mehr oder weniger zufällig auf die systemische Theorie gestoßen und noch zufälliger dann auch auf mich, nämlich beim Besuch einer deutsch-chilenischen Kollegin in Hamburg.
Noch relativ im Lehren unerfahren, zumal das Systemische erst wenige Jahre zuvor überhaupt entstanden war, begab ich mich auf diese so spannende wie ängstigende Erfahrung. Letzteres sollte sich als überflüssig erweisen, denn die Chilenen waren damals so verunsichert, dass jede Eingabe aus dem Ausland willkommen war. Gleich am ersten Abend nach meiner Ankunft in Temuco wurde ich zum Essen eingeladen und mit mir zwei allein stehende Damen, eine deutsche Lehrerin und eine chilenische Psychologin. Obwohl meine Gastgeberin von damals dies heute immer noch bestreitet, hatte ich das sichere Gefühl, dass sie sich bemüht hatte, für meine Begleitung zu sorgen. Immerhin sollte ich ganze vier Wochen in Temuco sein und in Chile ist es einfach nicht denkbar, dass man es so lange allein aushalten kann.
Dann geschah, was wohl zu geschehen hatte und, bevor ich mich besinnen konnte, war ich restlos und leidenschaftlich in die chilenische Kollegin verliebt. Den Aufenthalt in Chile erlebte ich alsdann ausgesprochen intensiv und beglückend, die Rückkehr nach Deutschland hingegen um so dramatischer.
Inmitten der Verliebtheitswirren stand ich kurz davor, nach Chile zurückzugehen, und alles in Deutschland Aufgebaute aufzugeben, darunter meine Familie und das Institut für systemische Studien in Hamburg. Meine dortigen Kolleginnen und Kollegen standen meiner Entscheidung skeptisch bis abweisend gegenüber. Am Abend meines Geburtstags kam es in einem Restaurant  zu einer heftigen Aussprache, bei der von allen Seiten auf mich eingewirkt wurde, meine Entscheidung zu revidieren und das Institut nicht zu verlassen. Mir wurde langsam klar, dass die dabei geflossenen Tränen solche der gekränkten Freundschaft waren. So deutlich wie nie zuvor erkannte ich, dass ich zu ihnen gehörte. Ich glaube, dass ich an diesem Abend angefangen habe, mich in Deutschland zu Hause zu fühlen.
Zwei Jahre später, nämlich im Herbst 1989, folgte ich erneut einer Einladung zur selben Universität nach Temuco. Es war das Jahr, als in Chile etwas höchst Unübliches und in der Geschichte ziemlich Einzigartiges passierte. Die Militärdiktatur, die 16 Jahre mit eiserner und blutiger Hand regiert hatte, wurde per Stimmabgabe auf demokratischem Wege abgewählt.
Das Leben in Chile hatte sich mittlerweile verändert. Man war pragmatischer geworden, das Gefühl des Besonderen, welches für das Fremde öffnet, schien dem beruflichen und familiären Alltag zu weichen. Die Rückkehr in die Normalität hatte begonnen. Dem entsprechend war an der Universität das Interesse an mir und dem, was ich zu lehren hatte, auf eine überschaubare Gruppe von Dozenten und Studenten geschrumpft. Der Kollege aus dem Ausland war nun einer unter vielen, nichts Besonderes mehr.
Ein eher müder, alles andere als leidenschaftlicher Versuch, das Feuerwerk von vor zwei Jahren wieder zu entflammen, endete dort, wo er wohl hin gehörte, nämlich in der Nostalgie des Vergangenen. Man trennte sich gütig, blieb sich gute Freunde.
Durch die Schärfe dieser Einsichten in das Unwiederbringliche mäßig verbittert, fuhr ich nach Absolvierung des Lehrauftrags nach Santiago, wo ich ein Paar Tage bei meinen Eltern verbringen wollte. Ohne viel zu tun zu haben, schaute ich oft in den Fernseher und verfolgte wenig tangiert die Ereignisse in Europa. Es war Anfang November, und es war klar, dass das ganze Durcheinander an den ungarischen und tschechischen Grenzen Eintagsfliegen sein würden. Die zwei Blocks standen sich breitbeinig gegenüber und es war nicht auszudenken, dass einer dieser Kolosse aufgeben würde. Für mich gab es keinen Grund, mir Hoffnungen zu machen noch Trauer zu empfinden. Man hatte sich an den status quo habituiert, er hatte schließlich auch etwas Beruhigendes. Man bedauerte zwar die Brüder und Schwester von drüben, war aber kaum bereit, etwas für deren Wohl zu unternehmen. Nicht umsonst hatten sich unter uns viele, die sich zu den Intellektuellen rechneten, mit dem status quo abgefunden und waren durchaus bereit, die nicht wegzudenkende „DDR“ als selbständiges Staatsgebilde anzuerkennen. Nur die ewig Gestrigen dachten anders, die Vertriebenen, die Rechten, die Unbelehrbaren, das heißt, die Anderen.
So fing auch der 9. November 1989 an. In Chile hatte der Frühling begonnen, in Deutschland der Herbst. Wie an jedem anderen Tag stellte ich mich abends auf einen geruhsamen Fernsehabend neben meinem schnarchenden alten Vater ein; es waren meine letzten Urlaubstage vor der Rückkehr nach Deutschland.
Beim darüber Erzählen muss ich mich unwillkürlich an den guten Steve de Shazer und an seine Wunderfrage erinnern: Angenommen, über Nacht geschieht ein Wunder und das Problem verschwindet, woran merkt man das am nächsten Tag? Anders formuliert: Angenommen, über Nacht fällt die Mauer und die DDR, eigentlich der ganze Ostblock fängt an zu bröckeln, woran merkt man das am nächsten Tag?
Nun, ich habe es gemerkt und schon am gleichen Abend, zeitlich um vier Stunden von Deutschland versetzt! In den Abendnachrichten berichtete der sonst so besonnene Nachrichtensprecher über Geschehnisse in Deutschland auf eine Weise, als glaubte er selbst nicht, was er erzählte. Es kamen Bilder auf dem Bildschirm vor, die Stunden zuvor unfassbar gewesen wären. Menschen gingen durch die offene Mauer und fielen sich auf der anderen Seite mit anderen, die sie zu empfangen gekommen waren, in die Arme. Die Welt weinte vor Freude. Mir kommen heute noch die Tränen, wenn ich daran denke oder die Bilder sehe.
Schon an dem Abend, dann aber auch am nächsten Vormittag wurde ich wiederholt am Telefon verlangt. Menschen, die mich kannten, aber auch andere, die mich kaum kannten, riefen mich an, um mir mit Freudentränen in der Stimme zu gratulieren. Mir, dem Deutschen, denn sie kannten keinen anderen, brachten sie ihre Freude zum Ausdruck. Nach und nach verstand ich, was passiert war, und ich war froh, diesen vor Freude überschäumenden Landsleuten die Projektionsfigur eines dankbaren Deutschen darstellen zu können. Schließlich sind Chilenen nicht dafür gedacht, ihre Gefühle für sich zu behalten.
Ja, das Jahr 1989 war für mich in mehrerer Hinsicht ein außergewöhnliches Jahr. Drei lebensverändernde Dinge habe ich erkennen können. Zum einen, dass auch die Liebe einen geeigneten Kontext benötigt, um gedeihen zu können. Zum zweiten, dass mein bereits 1987 begonnener, ganz persönlicher Einbürgerungsprozess in die deutsche Gesellschaft nun im 1989 um so leichter gelang, als er mich einer Nation annäherte, die Unglaubliches geleistet hatte. Und schließlich zum dritten, dass ich mich glücklich schätzen konnte, einer weiteren Nation anzugehören, der chilenischen, die ebenfalls Unglaubliches erreicht hatte. Beide Nationen waren fähig gewesen, Diktaturen friedlich und aus eigener Kraft zu entmachten, die eine demonstrierend auf den Straßen, die andere an der Wahlurne.
Es ist fast so, als ob ich meine 1942 per Geburt erworbene doppelte Staatsangehörigkeit im Jahre 1989 schlussendlich und nicht ohne Stolz vollziehen konnte.



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