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systemagazin special: "Kongressgeschichten"
Edelgard Struß: Lebkuchen und Druckmaschinen

Vor 15 Jahren habe ich einmal meinen Freund Bernd in seiner Druckerei besucht, einem kollektiv geführten „Betrieb ohne Chef – außer Bernd“. Genau an dem Tag war eine Druckmaschine geliefert worden, das Neueste vom Neuesten auf dem Markt, hergestellt von der Heidelberger Druckmaschinen AG. Bernd zeigte mir eine Stunde lang begeistert seine Neuerwerbung und ihre sagenhaften technischen Möglichkeiten. Ich war beeindruckt. Vom Druckereihandwerk hatte ich keine Ahnung, aber die Heidelberger Firma erschien mir als Inbegriff traditionsreicher und innovativer deutscher Ingenieurs- und Maschinenbaukunst.
Ich glaube nicht, dass ich danach noch einmal über dieses Ereignis nachgedacht habe, bis ich einige Jahre später in Arizona an einer Tankstelle hielt. Ich war zu Besuch bei meiner Schwester und vertrieb mir tagsüber die Zeit mit Ausflügen in Phoenix und Umgebung. Eines Tages hielt ich auf dem Weg nach Scottsdale an, um zu tanken. Der dunkelhäutige Tankwart, der einen starken ausländischen Akzent hatte und mich zunächst etwas gelangweilt bediente, fragte mich, ob ich aus Europa käme, ich hätte so einen Akzent … aus Deutschland?! Jetzt kam Leben in den Mann. Zunächst verstand ich immer nur „Heidelberg“ und dachte, er wollte mir wie viele Amerikaner von seinen Urlaubserinnerungen oder seiner Zeit in der Army erzählen. Tatsächlich fragte er mich aber, ob ich Heidelberg kenne und ihm in Deutschland eine gebrauchte Druckmaschine besorgen könne. In einem halben Jahr, so sagte er, habe er das nötige Geld zusammen, um eine eigene Druckerei zu gründen. Er wollte zurück nach Pakistan, und für ihn käme nur eine Heidelberger Druckmaschine infrage, das sei sein Traum. Zurück in Köln ließ ich mir von Bernd einen Katalog der Heidelberger Firma besorgen, die in der ganzen Welt ihre gebrauchten Maschinen vermittelt. Den Katalog schickte ich dem Tankwart nach Arizona mit den besten Wünschen für seine Zukunft. Ein Jahr später bekam ich einen Brief aus Pakistan. Der ehemalige Tankwart hatte sich seinen Traum erfüllt und eine Druckerei aufgemacht – mit einer Heidelberger Druckmaschine aus dem Katalog aus Köln.
Als ich vor einigen Jahren vom BTS Mannheim die Einladung zu einer Tagung erhielt, die im neuen Kongresszentrum der Heidelberger Druckmaschinen AG stattfinden sollte, beschloss ich, zum ersten Mal in meinem Leben nach Heidelberg fahren. Inzwischen hatte ich mir unbewusst ein sonderbares Bild von dieser Stadt gemacht: ich nahm an, dass ein kleiner Teil von Heidelberg aus Lebkuchenhäuschen, einer Lebkuchenuniversität und einem Lebkuchenschloss bestand und an einem unwahrscheinlich blauen Flüsschen lag. Durch diesen Stadtteil liefen immer ganz viele kleine  amerikanische und japanische Touristen, die tagsüber mit ihren Kameras den Lebkuchen fotografierten und sich abends betranken. Den anderen, größeren Teil der Stadt stellte ich mir vor als eine gigantische Halle aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts mit Ingenieurbüros, Werkstätten, Computern, Maschinen zum Herstellen von Maschinenteilen, Kantinen, Lagerhallen für gebrauchte Druckmaschinen und einem Geruch von Metall und Maschinenöl. Um die Halle herum, so meine Vorstellung, wohnte in ganz normalen Häusern die Mehrzahl der Heidelbergerinnen und  Heidelberger. Die meisten von ihnen gingen in der Halle zur Arbeit und ab und zu am Feierabend oder am Wochenende in den Lebkuchenstadtteil, um Bier zu trinken und Touristen zu gucken.
In Wirklichkeit war alles anders. Das Kongresszentrum, ein großes, gläsernes und sehr modernes Gebäude über mehrere Stockwerke, lag an einer befahrenen Straße in der Nähe des Bahnhofs. Lebkuchengebäude und gigantische Hallen waren weit und breit nicht zu sehen. Stattdessen gab es Bushaltestellen, einen Imbissstand und Versicherungsgebäude wie überall auf der Welt in der Nähe des Bahnhofs einer Stadt. - Im Kongresszentrum fuhr ich mit der Rolltreppe in das nächste Stockwerk hoch und sah dabei hinter mir Straßen und Häuser durch die großen Glasscheiben nach unten sinken. Fuhr ich mit der Rolltreppe nach unten, kamen mir Straßen und Häuser von unten wieder entgegen, als würde ich der Stadt – oder die Stadt mir auf einem Tablett serviert. Die Tagung fand in den oberen Stockwerken statt: geschlossene Arbeitsräume, offene Bereichen mit Flipcharts, aber auch Nischen ohne feste Bestimmung. Überall bildeten sich Arbeitsgruppen und kleine Ansammlungen von Menschen, die sich unterhielten, in Büchern blätterten und nach einer Weile wieder auseinander liefen. Befand ich mich in einem dieser offenen Bereiche und folgte einem Vortrag, konnte ich in einiger Entfernung die Menschen sehen, die sich auf den Rolltreppen nach unten bewegten und verschwanden, oder auf dem Weg nach oben zuerst mit dem Kopf, dann mit dem ganzen Körper auftauchten und dann zu ihren Treffpunkten und Veranstaltungen gingen. Es gefiel mir, eine Tagung wie ein großes soziales Gebilde in seinen unterschiedlichen Schichten, Konstellationen und Auflösungen zu beobachten und mich gleichzeitig selber als Teil des Gebildes zu erleben.
Nach dem ersten Workshop (ich glaube mit Tom Levold: „Affekte und Systeme“) hatte ich bereits genug zu denken und koppelte mich ab vom Programm. In dem für einen Moment menschenleer wirkenden Gebäude fuhr ich mehrmals mit der Rolltreppe und betrachtete die Straßen und Gebäude der Stadt, wie sie mir entgegen kamen und wieder absanken, dann drehte ich mich auf der Treppe herum und beobachtete, wie auf der oberen Etage die Arbeitsgruppen mit den konzentriert arbeitenden Menschen in mein Blickfeld kamen und wieder verschwanden. Schließlich setzte ich mich an die schöne Bar am Eingang des Kongressgebäudes. Nach einer Weile nahm neben mir eine Tagungsteilnehmerin Platz, eine Anwältin und Supervisorin aus Amsterdam. Mit ihr habe ich auf angenehme und überaus interessante Weise den restlichen Nachmittag zugebracht. An der Bar des Heidelberger Kongresszentrums erzählte mir die Kollegin von ihren Erfahrungen mit Menschen mit doppelter Geschlechtszugehörigkeit. Die Kollegin hatte sich spezialisiert auf die Beratung und Verteidigung von Menschen, die sich und anderen ihre doppelte sexuelle Identität zumuten und nicht zugunsten von Eindeutigkeit aufgeben. Über diese besondere Entscheidungssituation im Leben transsexueller Menschen und ihre sozialen, juristischen und seelischen Folgen hatte ich mir noch nie Gedanken gemacht. Und von den Problemen, die sich daraus für eine juristische oder supervisorische Beratung ergeben können, hatte ich bis dahin erst recht keine Ahnung. Ich war beeindruckt.
Wenn ich heute an diese Tagung zurückdenke, sehe ich mich mit der Kollegin an der Bar des Heidelberger Kongresszentrums sitzen und reden. Ab und zu werfen wir einen Blick in den Spiegel hinter den Flaschen und Gläsern der Bar und sehen die beiden Rolltreppen, wie sie mit den Menschen hoch und runter fahren.



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