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systemagazin special: "Kongressgeschichten"
Corina Ahlers: Alpbach 1979 - Konstruktivismus – selbst erlebt!

Ich war damals in systemischer Ausbildung und gleichzeitig an der Organisation der gruppendynamischen Tage des ÖAGG (Österreichischer Arbeitskreis für Gruppendynamik und Gruppentherapie) in Alpbach beteiligt. Der ÖAGG war damals der grösste psychotherapeutische Verein, die Alpach-Tage bekannt als heisser Tip in der gruppendynamischen Szene bei gleichzeitigem Angebot anderer fachspezifischer Kleingruppen (Gestalt, Psychodrama, systemische Familientherapie, Psychoanalyse). Die TeilnehmerInnen erwarteten hier starke Erlebnisse mit gruppendynamischem Know How und ausgelassenen Nächte. Ein tradiertes Seminardesign in Alpbach war die verbindliche Vormittags-Großgruppe für alle Teilnehmer plus der in der Mittagspause täglich von einer anderen Kleingruppe gestalteten Gruppe, welche optional besucht werden konnte.
Damals hatte ich die Ehre, mit Fritz Simon zusammen eine systemische Kleingruppe zu leiten. Wir hatten uns das Setting gegeben, unsere Grossgruppe in zwei Kleingruppen aufzuteilen und dessen Leitung jede Doppeleinheit zwischen Fritz und mir zu wechseln. Ich war froh, dass in unserer Kleingruppe alles gut ging und ich mich neben Fritz „gross genug“ fühlte.
Am ersten Nachmittag besuchten Fritz und ich die Gruppenveranstaltung nach der Mittagspause, in diesem Fall geführt von der psychoanalytisch Kleingruppe von Alfred Pritz. Die Gruppe hatte sich entschlossen, ihre Nachmittagsgruppengestaltung ohne ihren Leiter, Alfred Pritz, zu halten. Das Publikum an Ort und Stelle war klein und erlesen: Raoul Schindler, Fritz, ich und noch einige Gruppenleiter, deren Namen mir nicht mehr in Erinnerung sind sowie ungefähr fünf neugierige Teilnehmer anderer Gruppen. Wir waren nicht mehr als 20 Personen insgesamt, Alfreds Gruppe war vollständig präsent und ihr gewählter Moderator begann, eine Übung mit dem Namen „Myrismus“ vorzustellen. Man sagte uns, einer der Teilnehmer habe diese Anleitung von einem Schamanen in Brasilien bei einer Reise erfahren und man wolle das jetzt mit uns ausprobieren. Wir sollten uns zu zweit zusammenschliessen, einander gegenüber aufstellen und die Augen schliessen. Sie sagten dann so etwas ähnliches wie Knöpfe an, die sich entlang unseres Körpers befinden sollten, in die wir uns hineindenken und dabei im Kreis bewegen sollten, sie fingen bei Knöpfen am Kopf an und hörten bei den Beinen auf, nach ca 3. Minuten stoppten sie und nun fragte der Anleiter: „Gibt es irgend jemand unter Euch, der nichts gespürt hat?“
Ich beobachtete genau, wer es denn nun „wagte“ aufzuzeigen: Es waren Fritz, Raoul und ich, alle anderen waren still, doch hoppla, schon überwarfen sich die Ereignisse: Ein Herr, der etwas seitlich stand, erzählte aufgeregt über seine Erfahrungen mit der Übung: Er habe sogar sehr viel gespürt, er habe sich als Kleinkind gesehen in der Küche seines Elternhauses, seine Mutter habe ihn vom Boden aufgehoben, und sie schaute ihm in die Augen, es sei ein sehr schönes Erlebnis gewesen…“ Er kam richtig in Fahrt beim Erzählen und Tränen standen ihm in den Augen.
Wir waren alle unmittelbar betroffen von der Erzählung, die Gruppe von Alfred Pritz aber erstarrte. Vor allem ihr Anleiter wurde bleich und stammelte nach einer Zeit: „Aber wir wollten…, wir dachten…, wir wollten Euch doch nur zeigen, wie man Euch manipulieren kann und daran unsere Macht über Euch ausprobieren.“
Sie waren entsetzt über das, was ihre Wirkung war und nun machten sie ihren grössten Fehler: Sie sagten „die Wahrheit“. Denn nun wurde der seitlich stehende Herr rot und immer röter, er fühlte sich wirklich verarscht und abgewertet, das schöne Kindheitserlebnis (welches man als inneres Konstrukt durchaus als Ressource hätte aufbauen können) dekonstruierte sich unter der Last der Ereignisse und der zuschauenden Gäste in Schrecken und Ärger. Er schrie nun, dass er sich beschweren würde, in erster Instanz beim Leiter seiner Kleingruppe, usw. (Richard Picker, Gestalt) .
In Alpbach gab es damals jeden Abend eine Staff-Sitzung, in der über den Prozess des Tages berichtet wurde, und an diesem Abend war es hier um einiges heißer als in der Hotelsauna, wo sich die Teilnehmer täglich wohlverdient das „Zuviel des Erlebens“ abschwitzten: Richard schrie und verteidigte seinen Klienten, drohte mit einer Klage, zumal bekannt wurde, dass Alfred Pritz bei der Planung des Gruppenexperiments natürlich mitgemacht hatte. Er hatte die Gruppe dann in Umsetzung autonom handeln lassen wollen. Der Tenor von Richards Kritik war missbräuchliches Verhalten gegenüber TeilnehmerInnen und unethisches Handeln des Leiters. An diesem Abend war keine Versöhnung der beiden Gruppenleiter möglich, es wurden von Richard gesetzliche Schritte in Aussicht gestellt, der gesamte Staff  konnte nicht vermitteln. Wie das nach Alpbach weiter ging, weiss ich nicht, aber ich nehme an, der Ärger verpuffte, denn ich hörte nie wieder etwas davon.
Für mich war das wichtigste an diesem Phänomen, in dieser Unmittelbarkeit zu erfahren, wie kontingent innere Konstrukte sein können, wie wenig sie mit der Aussenwelt zu tun haben, und was wir (Teilnehmer, Gruppe, Gesellschaft) dann alles daraus machen. Fritz und ich waren uns in der systemischen Reflexion des Ereignisses darin vollkommen einig, dass der seitlich stehende Herr zufällig eines für ihn sehr positiven Erlebnisses habhaft wurde, welches eigentlich erst nachträglich durch die Umstände wieder zerstört wurde. Unsere systemische Frage war: Wie hätten wir es schaffen können, die schöne Kindheitserzählung so zu würdigen, dass er sich dafür nicht genierte, sondern an ihr gewachsen wäre? Wir waren überzeugt davon, dass die ethische Dimension, die in der Staff-Sitzung am Abend in den Vordergrund der Diskussion rückte, eine von vielen sozialen Konstruktionen war, die man auch ganz anders hätte erfinden können. Leider konnte dieses Phänomen in Alpbach dialogisch nicht aufgelöst werden und so gingen Pritz, Picker und der Klient verärgert von dannen. Und da ich in der Mitorganisation Alpbachs noch ein paar weitere Jahre tätig war, konnte ich beobachten, dass derselbe Klient noch mehrmals an verschiedenen Gruppen teilnahm. In mir regte sich die Frage: Warum tut er das, wenn er doch so verletzt war? Um sein Trauma von damals aufzulösen? Oder um es zu wiederholen? Um andere heilende Erfahrungen zu machen? Bzw. einfach so, aus reinem Zufall?
Ich erzähle dieses Geschichte oft meinen StudentInnen und tauche dabei schnell in das Erleben von damals, dessen Fazit noch heute uneindeutig und spannend für mich ist:
  • Wie kontingent kann Bedeutung sein, wenn sie zwischen mehreren Personen zirkuliert. Wie schnell können wir Bedeutung finden und wie kurz hält sie!
  • Wie schnell entsteht und zerstört sich dabei die Identität des Subjekts!
  • Wessen Verantwortung bleibt der Glaube an die Wahrheit?



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