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Andrea Brandl-Nebehay - Briefe aus Östererreich Nr. 2, 18.6.2005

Andrea Brandl
Liebe Leserinnen und Leser,

heute möchte ich von einem Theatererlebnis berichten, dass mich beeindruckt und zu einem erweiterten Verständnis der Möglichkeiten narrativen Erzählens angeregt hat: „Der Familientisch“ – eine Uraufführung im Rahmen der Wiener Festwochen, inszeniert von dem israelischen Regisseur David Maayan und den sich selbst mit ihrer eigenen Familiengeschichte präsentierenden SchauspielerInnen.
Die TheaterbesucherInnen finden sich vor dem „Schauspielhaus“ in der Porzellangasse ein, um die Ecke das ehemalige Sigmund-Freud-Wohnhaus in der Berggasse. Ab nun wird durch Wien gewandert; nach Zufallsprinzip werden wir in Gruppen zu je 8 Personen ein- und damit einer Schauspielerin/einem Schauspieler zugeteilt. Jella, „meine“ Protagonistin, führt uns zunächst in ein Beisl und legt uns die eingehende Betrachtung eines altmodisches Fotoalbums ans Herz: ich sehe sorgfältigen Beschriftungen der Fotografier-Anlässe (Heirat von Onkel Franz, Taufe von Fridolin), es fehlen nur - die Fotos. Wieder auf der Straße nimmt Jella nach und nach Kleidung, Stimme und Habitus ihrer Großeltern und diverser Tanten an und erzählt Fragmente aus dem Leben ihrer Eltern. Zwischendurch finden wir uns in einer chaotischen Wohnung wieder, wo sie sich ein Schreiduell mit ihrer (unsichtbar bleibenden) magersüchtigen Tochter liefert, die sich in ihrem Zimmer verbarrikadiert hat; ein Sit-in im Sinne elterlicher Präsenz bleibt uns erspart. Familientherapie, vertraut Jella uns an, brauche sie nicht, SIE sei ja nicht die, die krank ist.
Weiter geht es kreuz und quer durch die Stadt, Jella entnimmt ihrem mitgeführten Handwagerl ständig neue Requisiten, Perücken, Utensilien, um uns wichtige Personen und Szenen aus ihrer Familiengeschichte zu veranschaulichen, fuchtelt mit einer Pistole herum, mit der ihr Großvater sich erschossen hat (oder erschießen wollte?), was unter den PassantInnen einiges Aufsehen erregt. Die Leute sehen misstrauisch oder freundlich drein und grübeln sichtlich: Ist das jetzt eine der vielen Gestörten? Und wenn nicht, was ist sie dann? Junge Amerikaner zücken ihre Kameras, Kinder fragen an, ob die Pistole geladen sei. Ich bin nicht echt verrückt, ich spiele nur, lässt unsere Künstlerin das Publikum wissen. Zirkuläres Zuschauen: Wir schauen zu, die Wiener (und Fremden) schauen uns zu, wie wir zuschauen, die Schauspielerin schaut uns zu.
Schließlich landen wir in einem Pensionistenheim. Jella führt uns in dessen Hof, in dem ein uralter jüdischer Friedhof restauriert wurde: die Grabsteine aus dem 13. bis 16. Jahrhundert stehen für - so versuche ich diesen Abstecher zu verstehen - den jüdischen Zweig von Jellas Familie. In der Straßenbahn lässt unsere Führerin, die mir inzwischen ans Herz gewachsen ist, eine Schnapsflasche kreisen und spielt auf der Ziehharmonika, wir singen mit und beginnen uns als Gruppe/Gemeinschaft zu fühlen.
Vorläufige Endstation der Wanderung durch Jellas Biografie ist der Wiener Westbahnhof, wo wir wieder mit den anderen 10 Gruppen und deren Protagonisten zusammentreffen: ein Schauspieler aus Zimbabwe, eine Wienerin im Rollstuhl, eine Japanerin, ein junger Serbe, Einheimische und Zuwanderer aus verschiedenen Generationen. Wir ZuseherInnen (und MitspielerInnen) bekommen Koffer in die Hand gedrückt und stolpern über Rangiergleise in eine abgelegene Nebenhalle. Die Schauspieler lassen ihre Koffer aufgehen und verstreuen deren Inhalt; Fotos, Kleider, Schuhe, Puppen kullern auf den Boden und lassen Geschichten von Hochzeiten, Geburten, Todesfällen, Verlorenem und Wertvollem erahnen. Der Afrikaner hält sich an einem Holz-Nilpferd fest, eine Frau tröstet ein unsichtbares Baby, ein Mädchen hat seine Kofferschreibmaschine dabei, ein Bursch seine rote Fahne. Das Reisen in allen Formen - Tourismus, Migration, Fremde, Heimat, Heimweh, Unbehaustheit - wird beleuchtet und widergespiegelt in den Schicksalen der Familien.
“REISEN? Existieren ist Reisen genug“ (Fernando Pessoa, zitiert im Programmheft).
An einem riesigen quadratischem „Familientisch“ wird schließlich ein echtes Mahl (Gnocchi mit Tomaten-Soße, Wein) serviert. Aus Klappen in der Mitte der Tafel, die nun zur Bühne wird, tauchen die Schauspieler auf wie bei Beckett aus den Koloniakübeln, ein Sprach- und Stimmengewirr hebt an. Die SpielerInnen erzählen von ihren Eltern, ihrem Leben in der Ferne, von ihren verlorenen Häusern, zersprengten Existenzen. Verwandlung - jetzt protestieren sie als Eltern gegen die Erzählungen ihrer Kinder: Was verbreitest du für Unsinn über mich?
Nicht nur die Spieler tauschen sich aus, auch die Besucher erzählen einander in der Pause und beim Essen von ihren unterschiedlichen Erlebnissen, beim Rollstuhlfahren durch die Stadt, von einer improvisierten Familien-Aufstellung im Burggarten, vom vorsichtigen Schleichen durch die Gassen eines gefährlichen Viertels oder der Heimsuchung durch die rhodesische Polizei auf Terroristensuche im heimatlichen Dorf. Wie hat es mich berührt mitzuerleben, wie mein Cousin im Park-Kral erschossen wird?
Familienrekonstruktion, Psychodrama, Selbsterfahrung auf der Bühne? Die Performance von elf Menschen, deren familiäres Leben in Wien seinen Ausgang nahm oder von anderswo auf diese Stadt zulief, war ein aufregendes, sinnliches Spektakel. 11 Leute vermitteln 88 anderen bedeutsame Splitter aus ihrer Geschichte. Wäre es umgekehrt, was käme da heraus? Oder bräuchte ich meine eigene Geschichte nicht mehr erzählen, da sie doch irgendwo in all den anderen mit enthalten ist? In dieser Aufführung blieb das „Narrative Erzählen“ kein Erzählen, es wurde miterlebbares, saftiges Drama. Und eine therapeutische Anregung dazu, der Narration von Familien- und Selbstgeschichten nicht nur in Sprache nachzugehen, sondern sie auch mittels bedeutsamer Orte und Gegenstände zu reflektieren. Auch Therapie ist Reisen.

Mit herzlichen Grüßen aus Wien,
Andrea Brandl-Nebehay




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