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systemagazin special: "Das erste Mal"
Hartwig Hansen: „Haben Sie das eigentlich extra gemacht?“


Wahrscheinlich habe ich damals etwas gedacht wie „Das ist ja unmittelbar einleuchtend“, als unser Ausbilder Martin Kirschenbaum die Vorzüge der Ko-Beratung in lebendigen (englischen, dann übersetzten) Worten schilderte.
„Erstens: Ihr seid nicht allein.
Zweitens: Die Klienten/Familien sind mit euch nicht allein und haben damit zwei (Geschlechter) als (Ansprech)PartnerIn.
Drittens: Ihr könnt euch nach der Sitzung über das Geschehene austauschen.“
Insofern erinnere ich mich in diesem Zusammenhang an verschiedene „erste Male“, nicht nur mit dem „ersten“ Paar und später – wie aufregend – mit der ersten Familie, sondern vor allem auch mit verschiedenen Kolleginnen im Beratungsduo.
Ich weiß noch gut, dass wir Männer es (wegen der landläufigen Unterzahl in entsprechenden Ausbildungen) dabei leichter hatten. Nach dem Pubertäts-Schock aus der ersten Tanzstunde, in der es unvermittelt hieß: „Und nun fordern die Herren eine Dame zum Tanz auf“, galt jetzt „Tanzschule paradox“ – und tatsächlich, ich wurde „erwählt“.
Zuerst von einer gestandenen mutigen Psychoanalytikerin, die „das Alleine-arbeiten ohnehin satt hatte“ und mich in der Anfangszeit der Ausbildung, in der sich alle – per Anzeige, Handzettel, Mundpropaganda etc. – auf die Suche nach „Fällen“ machten, eines Tages anrief und fragte, ob ich Lust hätte, mit ihr zusammenzuarbeiten. Sie habe einfach einer Klientin aus ihrer Praxis vorgeschlagen, ob sie mal mit ihrem Mann zur Beratung kommen wolle.
Ich fühlte mich wie Hans im Glück.
Und weil wir beide ja nun weder wussten, wie wir systemisch-integrativ (so der Name unseres Hamburger Ausbildungsinstituts) arbeiten sollten – mein Psychologie-Diplom lag ja auch schon vierzehn Jahre zurück –, noch, wie das dann auch noch als Beratungsduo ablaufen würde, fragten wir unsere Supervisorin Ingrid Weinberg nach praktikablen Tipps.
Ihr habe ich / haben wir viel zu verdanken, denn sie gab uns (neben vielen späteren einfühlsamen, hilfreichen Ermutigungen und Blickwinkelerweiterungsvorschlägen in verschiedenen Live-Supervisionen) einen unscheinbaren Zettel mit sieben Sätzen mit:
Darauf stand:

Sätze-Ergänzen-Übung für Ko-Therapeut(inn)en

Jeden Satz auf sich wirken lassen. Einige Minuten darüber sprechen. Abwechselnd anfangen.
Jeden Satz ergänzen:

1. Was ich von dir erwarte, ist …
2. Ich vermeide …
3. Ich befürchte, dass du …
4. Ich fürchte, du wirst meinen, dass …
5. Ich versuche, dir den Eindruck zu vermitteln, dass …
6. Es ist mir klar, dass …
7. Wenn du mich wirklich kennen würdest, …

Das funktionierte und machte uns ein bisschen sicherer, wir trafen uns zur ausführlichen Vorbesprechung – auch zum Austausch unserer Antworten zu o.g. Sätzen – und stimmten die Choreographie der Selbstvorstellung und der Einstiegs-Fragen für die erste Sitzung ab. Wenn ich mir heute den Fragenkatalog – ich habe ihn tatsächlich noch auf dem Computer gespeichert – anschaue, den wir damals in der „ersten wirklichen gemeinsamen Beratungsstunde“ abzuarbeiten versuchten, entscheide ich mich spontan, ihn hier nicht zu dokumentieren.
Dafür erzähle ich von einem zweiten „Ersten Mal“, diesmal mit einer gestandenen mutigen Kinderärztin.
Die hatte einen Kollegen, der uns neben einem Paar mit einem Schreibaby auch einen Raum in seiner Praxis zur Verfügung stellen konnte. Der Raum würde nur manchmal für Kurse und Schwangerschaftsgymnastik genutzt.
Klang super. Als wir den „Ort des zukünftigen Geschehens“ betraten, nahmen wir uns fest vor, für das zweite anfragende Paar einen Raum ohne Gymnastikbälle und Gummimatten zu suchen. Eine Studienkollegin verwies uns daraufhin an ihren Lehrtherapeuten, der „scharf auf jede Extra-Mark sei“. So landeten wir für 20 Mark Raummiete in dessen Eineinhalb-Zimmer-Praxis mit unvermeidlich quietschenden Rattan-Sesseln, die neben einer verkümmerten Zimmerpalme offensichtlich noch zur Erstausstattung der Praxisräume aus den 70er Jahren gehörten.
An dieser Stelle kürze ich ab, denn die zahlreichen Geschichten rund um die Suche von angemessenen Beratungsräumen für Ko-Beratungen – in der Folgezeit in weiteren spannenden Kombinationen mit Kolleginnen aus anderen Berufen – würden wahrscheinlich den Artikel ergeben, den ich bisher in einschlägigen Fachpublikationen vergeblich gesucht habe.
Wir sitzen also zu viert in den quietschenden Peddigrohr-Sesseln, das Rat suchende Paar B., die gestandene mutige Kinderärztin und ich. Natürlich wollen wir „gut sein“. Und natürlich ist alles aufregend, ungewohnt und schweißtreibend.
Nach dem Erfragen der Daten aus den Herkunftsfamilien – laut Ausbildung ja höchst relevante Basisinformationen – spricht Herr B. davon, dass er seinen Vater seit der Scheidung seiner Eltern vor achtzehn Jahren nicht mehr gesehen habe und dass er ihm immer noch böse sei – nicht zuletzt weil der ihm „seinen Schatz“, eine Fußballer-Autogramm-Sammlung, nach einem Streit verbrannt habe …
Eine „Traum-Vorlage“, die ich nach meinem Gefühl nicht verpassen darf.
Ich frage Herrn B. in einer Mischung aus ungestümer eigener Angstabwehr und Größenwahn, der das Abwarten noch nicht gelernt hat, ob er sich vorstellen könne, mal mit seinem Vater zu reden, um lange nicht Ausgesprochenes zur Sprache zu bringen …
Erstaunlicherweise willigt Herr B. ein – offenbar wollen Klienten ihren Therapeuten gerne Erfolgserlebnisse verschaffen oder diese zumindest nicht vermasseln.
Es entsteht ein lebendiges Gespräch, in dem ich Herrn B. frage, was er denn seinem Vater sagen wolle, was der antworten würde, wenn er hier im Raum säße usw. Das Gespräch geht immer hin und her. „Es läuft“, schießt es mir durch den Kopf.
Ich bin hoch konzentriert, Frau B. und meine Kollegin hören aufmerksam zu. Sehe ich da beim Blick aus dem Augenwinkel ein leichtes Stirnrunzeln oder Fragezeichen in deren Augen? Nur jetzt nicht irritieren lassen, fragen kannst du später noch …
Ich schaffe es sogar noch vor Ende der Sitzung, das Expeditionsraumschiff des Vater-Sohn-Gesprächs unter dem stetigen Quietschen der Rattan-Sesseln sicher zur Landung zu bringen.
Und dann sagt Herr B. ganz freundlich und interessiert den Satz, der mir noch heute präsent ist: „Herr Hansen, haben Sie das eigentlich extra gemacht, mich eben immer mit Gerhard anzusprechen? Ich wusste nicht, ob das eine besondere Bedeutung hatte. Darum habe ich nichts gesagt – aber eigentlich heiße ich Günther.“
Das Ehepaar B. war eines der vielen dann noch folgenden Paare, die ihre TherapeutInnen loyal und verständnisvoll nicht „in den Regen schicken“, stets in der neugierigen Haltung: Das klingt fremd, aber es könnte ja was zu bedeuten haben. Die haben sich sicher was dabei gedacht…
Ich bin Herrn B. heute noch dankbar für seine Unterstützung beim Ausräumen dieser Peinlichkeit. Das Ehepaar B. kam noch zu vielen Folgesitzungen – und seitdem gebe ich mir bewusst besondere Mühe, die richtigen Namen so früh wie möglich sicher abzuspeichern oder im Zweifel erneut zu erfragen. Ich glaube, so geht das mit dem Lernen.



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