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systemagazin special: "Das erste Mal"
Günter Reich: Wie alles anfing…

Ich denke, es war ein Praktikum in der offenen Männerstation der Psychiatrischen Universitätsklinik hier in Göttingen im Rahmen meines Psychologie-Studiums. Die Atmosphäre war durch den damaligen Leiter der Klinik, Joachim-Ernst Meyer, sehr psychotherapiefreundlich.
Es war die Zeit der Psychiatrie-Enquête, der Anti-Psychiatrie-Bewegung und auch der Versuche im deutschsprachigen Raum, mit psychotischen Patienten psychotherapeutisch zu arbeiten.
Gaetano Benedetti hatte in der Klinik gerade einen Vortrag über seine Arbeit gehalten.
Gleich zu Anfang des Praktikums bekam ich die Aufgabe, einen jungen Erwachsenen mit einer Schizophrenie testpsychologisch zu untersuchen, etwas, was Psychologen, so vermuteten die Stationsärztinnen, können. In diesem Rahmen führte ich mit dem Patienten auch anamnestische Gespräche. Er beschrieb eine merkwürdige Familienatmosphäre. Der Vater war schon lange verstorben. Er lebte mit seiner Mutter, deren Bruder und dessen Frau in einem Haus. Außenkontakte gab es offensichtlich wenig. Das Leben schien sehr erwachsenenzentriert zu sein. Der Patient hatte eine mir merkwürdig erscheinende Erwachsenensprache. Ansonsten wirkte die Atmosphäre leblos. Die Mutter, die ich später persönlich erlebte, erschien als kühl und distanziert. Der Patient selbst war einerseits immer wieder distanziert, schaute an einem vorbei oder durch einen hindurch. Andererseits war er immer wieder auch humorvoll. Unter anderem führte ich einen Intelligenztest mit ihm durch. Dieser erbrachte ein leicht überdurchschnittliches Ergebnis. Der Patient hatte immer wieder behauptet, er sei ein Genie, in direkter Verbindung mit Gott stehend. Die Ergebnisse meiner Untersuchung trug ich in Gegenwart des leitenden Oberarztes auf der Stationsbesprechung vor. Dieser hatte sich anscheinend mehrfach über den Patienten geärgert, da er schwer an ihn herankam. Nun wollte er ihm die Untersuchungsergebnisse mitteilen. Er ließ den Patienten im Gespräch wissen, dass er im Intelligenztest lediglich leicht überdurchschnittlich abgeschnitten habe und von daher kein Genie sei. Der Triumph des Oberarztes währte allerdings nicht lange. Alsbald teilte der Patient mit, dass er inzwischen mit Gott konferiert habe. Dieser lasse ausrichten, dass Intelligenztests für ihn, den Patienten, keinerlei Relevanz hätten. Eins zu null für den Patienten. Wir mussten alle herzlich lachen.
Hier wurde mir deutlich, wie so genannte Wahnsymptome in ein Interaktionsmuster eingebettet und eine Form der Kommunikation, hier in einer symmetrischen Eskalation zwischen dem Patienten und dem Oberarzt, sind. Dies machte mir schlagartig die Kontextbedingtheit von Symptomen klar. Ich betreute den Patienten noch eine Weile bis zu seiner Entlassung über meine Praktikumszeit hinaus. Zudem begann ich, mich mit dem zu beschäftigen, was damals zum Thema Psychose, Kommunikation und auch an psychoanalytischen Erkenntnissen in diesem Bereich „auf dem Markt“ war. Während dieser Tätigkeit lernte ich auch meine spätere Kollegin, Almuth Massing, kennen, die auf dieser Station als Stationsärztin tätig war und die meine Gespräche supervidierte. Damals wusste ich noch nicht, dass dies der Beginn einer bis heute währenden Zusammenarbeit und Freundschaft war.
In der Folgezeit beschäftigte ich mich dann mit der Life-Event-Forschung und fertigte in diesem Rahmen auch eine Diplomarbeit über „Soziale Faktoren bei endogenen Depressionen“ an. Hierdurch gewann ich einen Zugang auch zu diesem Krankheitsbild. Gleichzeitig zog Eckhard Sperling in Göttingen mit seinen familientherapeutischen Sitzungen und entsprechenden Lehrveranstaltungen die Aufmerksamkeit vieler Interessierter auf sich. Seine Vorlesungen fingen in einem Raum mit fünfzehn Personen an. Am Ende des Semesters musste auf einen größeren, circa dreihundert Personen umfassenden, ausgewichen werden. Nach dem Abschluss meiner Diplomarbeit erhielt ich dann, zunächst für zwei Jahre befristet, eine Stelle in der damals so genannten Abteilung für Psycho- und Soziotherapie, die auf Betreiben des damaligen Psychiatriechefs, den ich bereits oben erwähnte, zur Entwicklung der Familienforschung und – therapie eingerichtet wurde. Hierdurch war mein weiterer beruflicher Lebensweg weitgehend gebahnt.
Was habe ich als hilfreich empfunden, was als überflüssig?
In dieser Phase zwischen 1974 bis in die 80er Jahre hinein habe ich mich sehr intensiv mit unterschiedlichen Theorie- und Therapiekonzepten vom Verständnis seelischer Störungen und Erkrankungen beschäftigt. Ich griff u. a. mein bereits in der Schulzeit geprägtes Interesse an Psychoanalyse, Sozialpsychologie und Soziologie wieder auf. Überflüssig finde ich im Nachhinein eigentlich nichts. Ich denke, dass in vielen unterschiedlichen Beiträgen zu unserem Fachgebiet, insbesondere in unterschiedlichen psychoanalytischen und systemischen Beiträgen, etwas Wertvolles steckt, von dem ich beruflich und persönlich profitieren konnte. 
Problematisch finde ich immer die Einseitigkeit von Erklärungsansätzen. Erst die Verbindung unterschiedlicher Sichtweisen ergibt für mich in der Regel ein zufrieden stellendes Bild von einem Phänomen. Schwierig finde ich, wenn behauptet wird, dass etwas „nur so“ oder „nur ganz anders“ sein kann. Eine ganze Weile gepflegte Polaritäten „Vererbung oder Umwelt“, „körperlich oder seelisch“, „interaktionell oder intrapsychisch“ halte ich für äußerst unproduktiv. Inzwischen sind sie ja auch wohl insgesamt überholt. Ärgern tut mich häufig, dass gerade in unserem Feld Dinge als neu verkauft werden, die eigentlich schon lange gesagt wurden, aber offensichtlich in Vergessenheit geraten sind. Daher finde ich neuere Arbeiten zur Familien- und Paartherapie, zur systemischen Therapie und auch zur Psychoanalyse oft langweilig. Meist ist dies auch eine Folge der oben erwähnten Einseitigkeit. Schwierig ist für mich als Hochschullehrer zudem, dass es, obwohl unser Ansatz doch eine ganze Weile an den Universitäten recht gut vertreten war, so wenig empirische Forschung gibt, die auch in der jetzigen sehr harten akademischen Konkurrenzsituation bestand hat. Dies halte ich zur Zeit für die größte Gefährdung. Wir werden sehen, wie wir ihr begegnen.



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