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systemagazin-special: "Besondere Begegnungen"

Edelgard Struß: Hand in Hand unterwegs im Leben des Patienten


Ganz unglaublich fand ich vor fünfzehn Jahren Frank Farrelly. Damals arbeitete ich hauptsächlich mit chronisch psychisch kranken Menschen und war über zwei Aufsätze auf ihn und seine Methode aufmerksam geworden: 1. Provokative Therapie: Die Waffen des Wahnsinns (The Weapons of Insanity) 1987, 2. Der Kodex der Chronizität (The Code of Chronicity) 1966, beide von Frank Farrelly und Arnold M. Ludwig. Die Aufsätze sind übrigens im Archiv des Online-Journals „Das gepfefferte Ferkel“ verfügbar (Link im Systemagazin!). Mich hatte besonders Farrelly’s Plädoyer angesprochen, in der Interaktion mit den Patientinnen und Patienten deren Parameter zu begreifen und vor allem: aufzugreifen. Das wollte ich mir unbedingt mal life ansehen.
Da saß er also vorne im Audimax des Aachener Klinikums, mit einer 70er-Jahre-Randy-Newman-Brille. Schnürsenkelkrawatte mit silbernen Enden und Türkisbrosche. Hemd mit Indianermuster. Jackett. Jeans mit Hosenträgern und Bügelfalten. Braune Jodhpurstiefel. Amazing!
Farrelly’ Standard-Sitzanordnung für die folgende therapeutische Sequenz: Er saß ganz leicht schräg rechts, im Grunde aber parallel unmittelbar neben dem Patienten, so dass er ihn mühelos mit linker Schulter und Hand berühren konnte. Rechts neben sich ein Beistelltischchen mit einer Schachtel Kleenex. Schräg hinter/neben Tisch und Patient jeweils eine Übersetzerin oder ein Übersetzer. Ernster Blick des Meisters und strenge Anweisungen für das Verhalten des Publikums, das später gelegentlich erinnert wurde: „Contract!“.
Die Bezeichnung der Methode als provokative Therapie sprach ja für sich, ich war also präpariert, dachte ich. Was sich dann aber da vorne zwischen einem Patienten, der sich wegen seiner Angststörungen in stationärer Behandlung befand, und Frank Farrelly entwickelte, verblüffte mich vollends. Dass einem Therapeuten so schnell und sicher ein Rapport zu seinem Patienten gelang (15 Sekunden?), und der Rapport – auch durch wie absichtslos und spontan erscheinende Bewegungen und Berührungen von Farrelly – gehalten wurde, war das eine. Das andere war, dass er dem Patienten Fragen stellte, die bewirkten, dass dieser ganz ernst und konzentriert, zugewandt, aber leicht konfus antwortete, während wir im Publikum vor Lachen fast vom Stuhl fielen. Weiterhin: Farrelly sprach nur amerikanisches (und z.T. deftiges) Englisch, der Patient nur Deutsch, und der Dialog wurde die ganze Zeit von zwei Therapeuten, die dicht bei den beiden Protagonisten saßen, übersetzt. Alles wurde mit Kassetten- sowie Videorecorder aufgezeichnet und dauerte weitaus länger als die zwanzig Minuten therapeutischer Dialog. Denn kaum war das Gespräch zwischen Farrelly und dem immer noch dicht neben ihm sitzenden Patienten beendet, begann in derselben Konstellation eine halbstündige Runde mit den etwa 70 anwesenden Ärzten und Ärztinnen, Therapeuten und Supervisoren mit mehr oder weniger erstaunten und fassungslosen Fragen sowohl an den Patienten als auch an den Therapeuten.
Nach dieser ersten Veranstaltung mit Frank Farrelly habe ich im Laufe der Jahre noch weitere besucht und insgesamt etwa 35 provokativ-therapeutische Dialoge mit anschließender Fragerunde für Expertinnen und Experten verfolgen können. Man konnte sich darauf verlassen, dass unweigerlich dieselben zwei Fragen an Farrelly’s Gesprächspartner bzw. –partnerinnen gerichtet wurden: 1. Fühlten Sie sich mit Ihrem Problem überhaupt ernst genommen von Frank? 2. Hat Sie das Gelächter aus dem Publikum nicht gekränkt? Auf diese Fragen gab es immer dieselben Antworten, meist mit einem ungläubigen Unterton (wie kann man auf so eine Frage kommen?!): 1. Ich fühlte mich zutiefst ernst genommen. 2. Das Gelächter hat mich überhaupt nicht gestört, im Gegenteil, ich musste manchmal selber lachen.
Ich habe von Frank Farrelly gelernt, dass es möglich und ausgesprochen zieldienlich sein kann, Handicaps, Marotten und offensichtliche Eigenheiten von Patientinnen und Patienten respektvoll und offen anzusprechen. In der Erinnerung habe ich folgendes Bild: die beiden, der Patient und Frank Farrelly, Hand in Hand unterwegs im Leben des Patienten – auf ein Ziel hin, das nur sie beide kennen. Und nach einer Weile geht der Patient zuversichtlich alleine weiter, die Hände in den Hosentaschen und in gutem Tempo.



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